Jul 15, 2018 Last Updated 9:01 AM, Jul 10, 2018

Schreibwettbewerb 2017

Zum mittlerweile fünften Mal veranstaltete der Rotary Club Bitterfeld-Wolfen in Zusammenarbeit mit dem biworegio e.V. den beliebten Schreibwettbewerb, der in diesem Jahr unter dem Motto „Mensch & Tier“ stand. Die Resonanz konnte sich sehen lassen: ganze 161 Zuschriften gingen hierzu ein, so viele wie noch nie zuvor. Der fachkundigen Jury, bestehend aus Manfred Rachner, Bärbel Franke, Kerstin Börner, Uwe Gerngroß und Melanie Kerz, fiel es daher ziemlich schwer, aus den vielen Geschichten die Besten der Besten auszuwählen. Schließlich wurden insgesamt 11 Preisträger in vier verschiedenen Kategorien ermittelt, die in einer gesonderten Veranstaltung am 22.11.2017 im MehrGenerationenHaus Bitterfeld-Wolfen bekanntgegeben wurden. In der Kategorie „Grundschule“ gewannen Hanna Emily Koch, Fynn Knorr, Alicia Stein sowie Thea Reichert. Senia Adam, Matti Weiser und Hendrik Kirchheim hatten im Bereich „Klasse 5 und 6“ die Nase vorn. Im Bereich „Klasse 7 bis 10“ wurden Victoria Daugul und Narges Rahmani für ihre Beiträge ausgezeichnet. Zudem vergab die Jury in diesem Jahr einen Sonderpreis, der sowohl an Hannah During als auch an Amani Esmail ging. Die Freude bei den Gewinnern war verständlicherweise groß. Als erinnerndes Dankeschön an den Schreibwettbewerb erhielten alle Teilnehmer eine Urkunde für ihre Mühe. Natürlich wird es auch im nächsten Jahr wieder eine neue Auflage geben. Bleibt zu hoffen, dass die Beteiligung daran ebenfalls so positiv ausfällt wie im Jahr 2017. Die prämierte Geschichte „Silvester“ von Victoria Daugul gibt es exklusiv hier:

Silvester

„Stille Nacht, heilige Nacht, Hirten erst kundgemacht! Durch der Engel Halleluja tönt es laut von Fern und Nah: Jesus, der Retter ist da! Jesus, der Retter ist da!“

Die ganze Familie applaudierte. Es war Heiligabend. Mary und Sophia führten wie jedes Jahr ihr Weihnachtsprogramm auf. Und wie jedes Jahr hatten sie es wundervoll gemacht. „Ihr habt sehr schön gesungen! “, rief ich und meine Kinder kamen auf mich zu gerannt, um mich zu umarmen. „Aber habt ihr denn auch noch ein Lied für den Weihnachtsmann parat?“, fragte ich die beiden. „Ja, Mami. Aber wir verraten es dir noch nicht!“, antwortete die kleine Sophia. Ich lachte. „Das ist auch gut so. Mami wird sich überraschen lassen.“ Ich knuddelte sie kurz und gab ihnen jeweils einen Kuss auf ihre Haare, ehe sie zu ihrem Onkel Christian gingen. „Das haben sie wirklich schön gemacht.“, sagte meine beste Freundin Mona, die neben mir auf dem Sofa saß. Sie beugte sich ein Stück vor, um sich ein paar Schokokugeln zu nehmen. Ich grinste. Die hat sie früher schon immer gerne gegessen. Schokokugeln gefüllt mit Mandeln und mit Krokant bestreut. „Warum grinst du?“, fragte sie ebenfalls lächelnd. „Ich musste nur kurz an früher denken…“, erwiderte ich schmunzelnd und nahm meine Teetasse vom Tisch. „Jaja früher, das waren noch Zeiten…Wann kommt eigentlich der ‚Weihnachtsmann´?“, wechselte sie abrupt das Thema. Ich nahm schnell einen Schluck von meinem Tee, ehe ich ihr antwortete. „Eigentlich wollte Christian das übernehmen, aber da er sich vor kurzem das Bein gebrochen hat, geht das nicht mehr“, seufzte ich und stellte meine Teetasse zurück auf den Tisch. „Deshalb habe ich Herrn Lessing gefragt, ob er das übernehmen könnte.“ Mona schaute mich geschockt und überrascht zugleich an. „D-du meinst den Herrn Lessing? Den alten Herrn Lessing aus dem Haustierbedarfsladen? Derjenige, der uns immer Süßigkeiten geschenkt hat, wenn wir bei ihm zu Besuch waren und von seinen Wellensittichen die Käfige saubergemacht haben?“ „Ja, genau der“, lachte ich. „Der lebt etwa noch?“, fragte sie ungläubig. „Ja, der lebt noch“, ließ ich sie wissen. Ich wollte gerade aufstehen, als Mary und Sophia angerannt kamen - mit einem knurrenden Silvester zwischen den kleinen Ärmchen. Silvester ist unser Kater, der jetzt schon stolze 23 Jahre auf dem Buckel hat und trotzdem noch Mäuse fängt und sich von den Mädchen Puppenkleider anziehen lässt. Wild trat er um sich und versuchte sich aus Sophias Armen zu befreien, doch die Kleine war mit ihren 6 Jahren doch schon ziemlich stark. „Lasst ihn besser runter, ehe er euch noch kratzt“, warnte ich sie. Sophia ließ ihn runter und er kam schnell auf mich zu gerannt, sprang auf meinen Schoß und machte es sich dort gemütlich. Ich fing an, ihn zu streicheln und er begann zu schnurren. Mona rutschte ein Stück zur Seite, so dass Mary und Sophia, jeweils einer zu meiner Rechten und meiner Linken, sich niederlassen konnten. „Mami?“, fragte Mary und begann ebenfalls Silvester zu streicheln, der sie erst kurz anknurrte, es sich dann aber doch gefallen ließ, da er merkte, dass sie nichts Böses im Sinn hatte. „Ja?“, erwiderte ich und schaute sie an. „Kannst du uns die Geschichte erzählen, wie du Silvester bekommen hast?“, fragte sie und sah mich bittend an. „Oh ja, Mami! Bitte erzähl uns die Geschichte.“, stimmte ihr Sophia zu. „Aber es ist doch noch gar nicht Silvester! Die Geschichte wird jedes Jahr nur an Silvester erzählt…“, entgegnete ich und schaute von Mary zu Sophia. „Och bitte, Mami“, erwiderte Sophia und schaute mich mit ihrem süßesten Hundewelpen-blick an. „Wir wollen nicht auf Silvester warten. Wir wollen die Geschichte jetzt schon hören“, sagte Mary und blickte mich mit demselben niedlichen Gesichtsausdruck an. Gott, die sind so gemein. Da kann man einfach nicht Nein sagen. „Oh ja Mamiii bitte!“, erwiderte Mona und sah mich mit einem gespieltem flehenden Ausdruck an, so dass ich kichern musste. Ich hatte verloren. Eindeutig. „Na gut. Aber nächstes Jahr erzähle ich die Geschichte nur zu Silvester, ist das klar? Ich will nämlich nicht die Traditionen verändern“, entgegnete ich und blickte die drei warnend an. Christian hatte unsere kleine Diskussion mitbekommen und setzte sich neben Mary. Auch mein Mann kam zusammen mit meiner Mutter ins Wohnzimmer und setzten sich mit in unsere ‚kleine Runde‘. „Ja, ist ja schon gut“, lachte Mona, „nun erzähl schon!“ „Nun gut. Also es war so...“

23 Jahre früher

Es war Silvester, ich war vor kurzem 10 geworden und mein Bruder 8. Mama und Papa hatten alles wunderschön dekoriert. Überall hingen Girlanden und das Haus hatte noch immer diesen typischen Weihnachtsduft. Zimt, Schokolade, … und der Weihnachtsbaum stand auch noch. Draußen war es sehr kalt und der Wetterbericht meinte, dass es diese Nacht noch bis zu -15 Grad Celsius werden würde. Christian und ich wollten runter an den See gehen, um das schöne, große Feuerwerk zu sehen, welches in der nächsten Stadt, gegenüber von uns auf der anderen Seite des Sees, veranstaltet wurde. Wir gingen jedes Jahr dort hinunter und schauten es uns an. Mama und Papa kamen dann immer ein wenig später zum See hinunter. Hand in Hand schlenderten wir zu dem kleinen See, den wir Kinder früher alle liebevoll den „Märchensee“ genannt hatten. Den Namen hatte er, da dort immer das Sommercamp stattfand und einer unserer Betreuer mit uns hier immer Märchen gelesen hatte. Außerdem standen überall ganz alte und verkrümmte Bäume herum, welche an Märchenfiguren erinnerten. Bevor man zu dem See kam, der ungefähr 200m von unserem Haus entfernt war, musste man durch ein kleines Wäldchen gehen. Es lag sehr viel Schnee und es herrschte eisige Kälte, aber das hinderte uns nicht daran, im Schnee herumzuhüpfen oder uns darin herumzukullern und so zu tun, als ob der Schnee ein ganz weiches Bett wäre. Ich weiß noch genau, wie Mama uns dann ständig ausschimpfte, weil die Sachen komplett durchgeweicht waren. Aber meinem Bruder und mir war das stets egal. Wir haben es trotzdem immer wieder gemacht. Es war einfach zu lustig. Mona und ihre große Schwester Elisa kamen auch oft vorbei um mit uns zu spielen. Christian und ich haben auch dauernd kleine Schneeballschlachten in dem Wäldchen veranstaltet. Das eine Mal, als er mich mal wieder mit einem Schneeball getroffen hatte und ich ebenfalls ein Häufchen Schnee zu einer Kugel geformt hatte und auch bereit dazu war, diese abzufeuern, hörte ich ein Mauzen. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört. Doch ein paar Augenblicke später war ich mir sicher, dass es das Miauen einer Katze war. Ich ging zu der Stelle hin, an der ich die Katze vermutete. Vielleicht ist sie ja verletzt? Doch alles, was ich sah, war eine alte zugebundene Plastiktüte, die fast im Schnee versunken war. Und noch erschreckender war es, was ich nach dem Öffnen der Schnur IN der Plastiktüte fand. 5 kleine Katzenbabys. Ich war total schockiert. Wie konnte jemand nur diese armen, kleinen Katzen im Schnee aussetzen? Ich weiß noch genau, wie wütend ich war und fest entschlossen, diesen armen kleinen Katzen zu helfen. Ich rief meinen Bruder, da die Tüte ziemlich schwer war und ich sie sicher nicht alleine bis zu unserem Haus hätte tragen können. Zusammen trugen wir die kleinen Katzenbabys nach Hause. Das Feuerwerk war uns in diesem Moment total egal. Hin und wieder war ein klägliches Miauen aus der Tüte zu hören und auch ein kleines Strampeln zu spüren. Christian und ich hielten die Tüte ganz vorsichtig, nicht dass wir den Kleinen weh taten oder der Beutel reißen würde. Zu Hause angekommen brachten wir die Tüte gleich in mein damaliges Kinderzimmer. Christian wollte, dass wir die Kätzchen vor Mama und Papa geheim hielten, doch ich fand, dass das keine gute Idee war. Ich schlenderte so lässig wie möglich ins Wohnzimmer, wo Mama gerade den Tisch abräumte. Sie war überrascht, dass wir schon wieder daheim waren, aber als ich ihr erklärte, dass wir mal kurz ihre Hilfe benötigten, kam sie mit mir zusammen in mein Zimmer zurück, in dem Christian gerade die Plastiktüte erforschte. Als meine Mutter erfuhr was los war, war sie äußerst erschüttert. Mama schaute in die Plastiktüte. Es sammelten sich ein paar Tränen in ihren Augen. Mama war schon immer dezent emotional. „Oh Gott…“, murmelte sie mit weinerlicher Stimme. „Wie kann jemand nur etwas so Unmenschliches tun?“ Vorsichtig griff sie mit ihrer Hand in die Tüte hinein und holte eins der Kätzchen heraus. Es war total abgemagert, dreckig und zitterte. Dennoch konnte man erkennen, dass es grau schwarz getigert war. „Oh mein Gott, du armes kleines Kerlchen“, flüsterte sie und setzte ihn auf dem Teppich ab. Christian fing an, die Katze zu streicheln. Ab und zu gab sie ein süßes Miauen von sich. Mama lugte in die Tüte hinein und war auf einmal wie zu Eis erstarrt. „Was ist los, Mama?“, fragte ich sie. Langsam hob sie ihren Kopf und schaute mich aus verweinten Augen an. „Wie nochmal sagtest du habt ihr sie aufgefunden?“, fragte sie und schluckte. „ In dem kleinen Wäldchen haben wir sie jaulen gehört. Diese Plastiktüte war zugebunden und fast im Schnee versunken.“, erzählte ich. „Okay.“ Immer mehr Tränen rannen über ihre Wangen, als sie den Kopf schüttelte. „Was ist los, Mami?“, fragte ich sie noch einmal. Sie wischte sich über die Augen. „Oh Gott, Rosie…d-die anderen Kleinen hier…sie scheinen so als ob…“, eine weitere Träne kullerte ihr über die Wange, „als ob sie…nicht mehr unter uns weilen“, schluchzte sie auf. Ich merkte einen dicken Kloß in meiner Kehle. Das konnte doch nicht wahr sein. Das konnte nicht stimmen. „Bist du dir sicher?“, flüsterte ich und Christian sah nun auch auf. Sie nickte. Da das kleine Kätzchen keine Zähne hatte, hielt Mama Katzenmilch für das Beste. Ich rannte schnell die Straße entlang zu Herrn Lessing aus dem Haustierladen und klingelte Sturm. Er wohnte direkt über seinem Laden und deshalb hatte er praktisch fast immer offen, sogar an Feiertagen, weil man konnte entweder bei seiner Wohnung klingeln, oder im Laden. Als er dann die Tür aufmachte, mit mürrischer Miene, da ich ihn von seinem leckeren Festtagsschmaus weggeholt hatte, erzählte ich ihm alles. Herr Lessing war stets hilfsbereit und besorgte gleich die benötigte Katzenmilch aus seinem Laden. Als ich zurückkam, bereitete Mama die Katzenmilch vor, während Christian und ich uns eine dieser Zuckerperlennuckelflaschen teilten. Als wir sie aufgenascht hatten, füllte Mama dort die Katzenmilch hinein. Ich lief schnell in mein Zimmer, in dem ein kleines Körbchen unseres alten Hundes Cosima stand, welcher vor ein paar Monaten gestorben war. In dieses Körbchen hatte ich den winzigen Kater gelegt, und dort war er auch geblieben, die ganze Zeit, während ich zu Herrn Lessing gerannt bin. „Er hatte ein paarmal gejault,“, erzählte mir Christian, „vielleicht vermisste er ja seine Familie?“ Ich stimmte ihm da zu. Der arme Kerl hatte ja nun keine Familie mehr. Ich hatte früher ein paar Märchenkassetten bei mir im Zimmer stehen und als Christian eine davon abspielte, soll er sich beruhigt haben. Ich hob den kleinen Kater behutsam hoch und brachte ihn in die Küche. Mama wartete schon mit einem Handtuch und dem Fläschchen, gefüllt mit Milch, in der Küche. Sanft gab sie ihm das Fläschchen und er stemmte seine kleinen Pfoten dagegen. Oh wie süß. „Hat der Kleine eigentlich schon einen Namen?“, fragte Papa, der gerade in die Küche kam, um sich einen Kaffee zu machen. „Nein, aber ich hab schon eine Idee“, grinste ich, „vielleicht ‚Silvester‘?“ Christian lächelte. „Das ist eine tolle Idee.“

23 Jahre später

„...und so kam Silvester zu uns.“ Meine beste Freundin wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Gott, ist das rührend. Das ist eine sehr schöne Geschichte, Rosie. Wieso hast du sie mir nie so ausführlich erzählt?“ „Keine Ahnung“, ich zuckte mit den Schultern. „Mami, was habt ihr eigentlich mit den anderen Katzen gemacht?“, fragte mich Sophia mit einer traurigen Miene. „Papa hat an demselben Tag noch vier kleine Gräber in unserem Garten geschaufelt, in denen wir sie beerdigten. Christian und ich haben sogar kleine Blumensträuße gekauft, die wir ihnen dann auf ihre Gräber legten“, erzählte ich. Plötzlich wurde ich von einem Klopfen unterbrochen. „Das ist der Weihnachtsmann!“, rief Sophia laut und auf einmal war alle Traurigkeit aus ihrem Gesicht verschwunden. Mary und sie rannten schnell zu Tür und begrüßten den Weihnachtsmann. „HoHoHo, wart ihr denn dieses Jahr auch schön artig gewesen?“, fragte er mit dunkler, aber warmer Stimme. „Aber natürlich, Weihnachtsmann! Ich bin doch immer artig. Papa nennt mich deshalb auch immer, Engelchen´.“, erwiderte Mary und stellte sich stolz aufrecht hin. „Nein! Das stimmt nicht! Ich bin Papas Engelchen!“, rief Sophia entrüstet und funkelte ihre Schwester böse an. „Hey, hey, hey, ganz ruhig. Ihr seid beide meine Engelchen.“, sagte er und umarmte sie beide, „Weihnachtsmann, ich kann es bestätigen. Diese beiden hier, meine zwei Engelchen, waren das ganze Jahr über brav.“ „Das ist gut. Habt ihr denn auch ein Lied oder ein Gedicht für mich?“, fragte der Weihnachtsmann und schaute von der einen zu anderen. „Ja“, sagte Mary und schon fingen beide an zu singen.

„Ihr habt sehr schön gesungen. Bis nächstes Jahr. Und seid schön artig, sonst gibt es nächstes Jahr nicht so viele Geschenke. Frohe Weihnachten.“, rief er und ging zur Tür hinaus. Mary und Sophia winkten ihm noch lange hinterher. Auch Mona, ihr Mann, Mama und mein Mann kommen zur Tür und winkten ihm ebenfalls nach. Ich lächelte. „Frohe Weihnachten.“