Dec 16, 2018 Last Updated 11:20 AM, Dec 5, 2018

Eine Reise ins Unbekannte

Sie sah sich im Raum um. Um sie herum waren überall Schüler, die sich durch die engen Flure der Schule drängten. Sie wusste, dass dieses Jahr alles anders sein würde als letztes Jahr und auch schwieriger. Niemand, den sie kannte, niemand der ihr helfen würde. Sie war ganz auf sich alleine gestellt. Ein wenig nervös sah sie sich um und hoffte, dass irgendjemand sie ansprechen würde, doch es geschah nichts. Ein letztes Mal atmete sie tief ein und ging dann weiter. Die Schüler, an denen sie vorbeikam, schauten sie neugierig an. Doch sie versuchte es zu ignorieren und sah wieder auf ihren Plan, den sie in den vor Aufregung schweißnassen Händen hielt. Eigentlich hatte die Direktorin ihr genau beschrieben, wohin sie gehen musste, doch sie hatte es völlig vergessen und versuchte nun, sich selber zu helfen, auch wenn sie nicht genau wusste wie.

Nach fünfminütiger Suche fand sie schließlich den Raum und trat schüchtern ein. Als sie eintrat, trafen sie neugierige Blicke, die sie noch nervöser machten.

„Du musst Lee Ming sein.“, eine Frau mit einer kleinen, runden Brille kam auf sie zu und reichte ihr die Hand, „Ich bin Mrs. Paulo.“.

Zögernd nahm Lee Ming die Hand der Frau und schüttelte sie. Die Lehrerin sah mit freundlichen Blicken auf sie herunter und führte sie dann in die Mitte des Klassenraumes.

„Schüler, hört mal bitte her. Das ist Lee Ming, sie ist die Austauschschülerin aus Deutschland und wird jetzt für ein Jahr bei uns bleiben.“, stellte Mrs. Paulo sie vor, aber die Schüler saßen regungslos da. Keine Reaktion, nicht einmal eine Wimper zuckte. Alle schauten zu Lee Ming und sagten kein Wort. Lee Ming bemerkte die neugierigen Blicke und schaute verlegen auf ihre grauen Sneakers.

„Na gut. Du kannst dich da hinter zu Lion setzen.“, unterbrach Mrs. Paulo die Stille. Mit langsamen Schritten ging sie, die neugierigen Blicke noch im Nacken spürend, zu der Bank, an der Lion saß. Dieser nickte ihr mit freundlichen Blicken zu und sie setzte sich neben ihn. Er merkte, dass irgendetwas anders war. Er spürte die Wärme, die plötzlich durch seinen Körper floss, doch er versuchte das Gefühl zu verdrängen. „Ich bin Lion. Willkommen in Phoenix“, stellte er sich stattdessen vor. „Ming.“, sagte sie zögernd. Sie drehte den Kopf verlegen wieder Richtung Tafel. Ihr Herz klopfte wie wild. Was war passiert? War sie krank?

In der ersten Pause führte Lion Ming durch die Gänge der Schule. Beide sagten nur sehr wenig und starrten gerade aus. Ab und zu schaute Ming neugierig zu Lion und Lion zu Ming. Doch wenn sich ihre Blicke trafen, dann schauten sie beide schnell wieder weg.

„Was ist mit mir los?“, dachte Lion. Er spürte wieder dieses warme, gribbelnde Gefühl, das er versuchte zu verdrängen. Er war nicht der Typ, der sich viel mit Mädchen beschäftigte. Er war einer von den Typen, die auf einer Party versuchten, soviel Mädchen wie möglich aufzureißen, genau wie es seine Kumpels auch taten. Sie fanden es cool, mit Mädchen zu spielen. Lion taten diese Mädchen leid, doch er wollte genau so cool sein wie seine Freunde, nur deshalb machte er das.

„Und wie findest du es in Phoenix?“, versuchte Lion sich von diesen Gefühlen abzulenken.

Lee Ming sah zu ihm herüber und verspürte wieder dieses Gefühl: „Ganz gut. Es ist ganz anders als bei mir zu Hause. Alles ist viel größer und aufregender.“

Er lächelte sie an und sie zurück. Noch nie konnte sie mit einem Jungen einfach reden, oder lachen.

„Das ist schön. Und hast du auch schon etwas gesehen?“, fragte er weiter und sah ihr dabei fest in die Augen.

„Na ja, nicht viel.“ Sie kratzte sich am Hinterkopf und sah unsicher zu ihm auf. „Okay, dann lad ich dich heute Nachmittag ein und zeig dir die Stadt.“ Ihm kam es merkwürdig vor, was er da gerade tat, aber er war sich einer Sache noch nie so sicher wie in diesem Moment.

Lee Ming sagte zu und zählte ab jetzt jede Minute. Sie war aufgeregt, denn noch nie hatte sie sich mit einem Jungen getroffen. Für sie war das vollkommen neu, aber sie freute sich darauf.

Am Nachmittag holte Lion sie ab und zusammen fuhren sie mit dem Auto in die Stadt. Sie sah aus dem Fenster und beobachtete die Gegend, die schnell an ihr vorbeizog. Schon lange war sie nicht mehr so glücklich gewesen wie in diesem Augenblick. Nach nicht so langer Zeit parkte er das Auto auf einem kleinen Parkplatz und stieg aus. Er deutete ihr, sitzen zu bleiben und lief schnell um das Auto, dann öffnete er ihr die Tür. Mit einem breiten Grinsen stieg sie aus und sah sich um. Rings um sie herum waren Menschen, die sich unterhielten, ein Eis aßen, oder einfach nur nebeneinander liefen.

Lion bemerkte ihren Blick und lächelte: „Hättest du Lust auf ein Eis?“

Zusammen liefen sie über die Straßen und kauften sich ein Eis, dann gingen sie in einen kleinen Park, mitten in der Stadt und breiteten eine Picknickdecke aus. Gemeinsam setzten sie sich und schleckten ihr Eis. Danach legte sie sich auf die Decke und schaute in den Himmel. Sie dachte an ihre Familie, sie vermisste sie, sogar ihren kleinen nervigen Bruder.

„An was denkst du?“, Lion hatte sich neben sie gelegt und sah sie nun neugierig an. „An nichts.“, log sie. Sie wollte jetzt nicht über ihre Familie reden, denn dann würde sie anfangen zu weinen.

„Irgendetwas hat sie an sich, etwas Besonderes und ich möchte so gerne wissen was.“, dachte er, als er sie weiter ansah.

Er setzte sich auf.

„Ist was?“, fragte sie und folgte ihm.

Er lächelte verlegen: „Nein, alles super.“

Er legte ihr die rechte Hand auf die Wange..

Janine S. Hoffmann